Die Medien sollen auch im Wahlkampf objektiv berichten und kommentieren, um so zur politischen Meinungsbildung beizutragen. Wie steht es damit heute? Im ersten Wahlgang der Regierungsratswahlen waren die Kantonsfinanzen ein Thema. Bekanntlich haben wir hier eine mehr als desolate Situation. Michael Götte (SVP) sprach vor allem von der Notwendigkeit eines Sparpakets über 200 Mio. Franken, nota bene jährlich wiederkehrend – ohne allerdings zu sagen, wo er genau sparen will. Ich habe mir dagegen erlaubt, auch aufzuzeigen, wie der Kanton St. Gallen in diese missliche Situation gelangte.
Wir haben die Steuern zu «voreilig» und zu «sportlich» gesenkt, wie dies ein Gutachten des BAK Basel wörtlich feststellte, das von der Regierung in Auftrag gegeben wurde. Ich habe auch festgehalten, dass vor allem hohe Einkommen und Unternehmen von diesen Steuersenkungen profitieren. Weiter führte ich aus, dass diese Form der Steuerentlastung letztendlich zu Lasten des Mittelstands geht. Wenn die Steuern für Unternehmen und für die hohen Einkommen gesenkt werden, der Staat aber sein Leistungsangebot dennoch aufrechterhalten will, kann der Mittelstand nicht auch noch entlastet werden. Diese Form der Steuersenkung geht also klar zu Lasten des Mittelstands.
Auch dies ist in der Zwischenzeit gutachterlich bestätigt worden. Ein «Steuermonitoring» der Universität St. Gallen im Auftrage des Finanzdepartements des Kantons St. Gallen hält fest, dass der Mittelstand im Kanton St. Gallen vergleichsweise hohe Einkommenssteuern bezahlt und die Unternehmungen, auch im schweizweiten Vergleich, sehr moderat besteuert werden. Hocherfreut las ich den Tagblatt-Newsletter vom 5. April 2012. Da wurde getitelt: «Mittelstand blutet, die Millionäre profitieren». Endlich also räumt auch das Tagblatt ein, dass das, was ich im Wahlkampf ausgeführt habe, nicht Ideologie, sondern traurige Realität ist. Eine Realität, welche die Mehrheit der Bevölkerung zu tragen hat.
Gespannt wartete ich nun ab, was am folgenden Tag im Blatt stehen wird. Da war von der ursprünglichen Schlagzeile gar nichts mehr übrig. Neu hiess es nur noch: «Steuerstrategie der Regierung ist derzeit nicht finanzierbar» auf der Frontseite und «Steuerziele sind teure Ziele» im Ostschweiz-Bund. Die «Südostschweiz» vom 7. April 2012 war wesentlich mutiger und klarer: «Der Mittelstand blutet, Millionäre profitieren». Ich frage mich: Wer schönt hier die Tatsachen? Wer scheut sich, der Leserschaft reinen Wein einzuschenken? Wer ist hier ein «Ideologenblatt»?
